Nate ist doof.

Nate ist doof.

¡Hola a Todos!

Wie versprochen, stelle ich euch heute Nate vor:

Nate – Supermenschen, Supermenschen – Nate! Mucho Gusto, wie der Spanier so schön sagt. Auch wenn ich das im Namen der Nicaraguaner nicht ganz so vertreten kann, denn Nate war ein ganz schöner Mistkerl.

Nate hat sich ein bisschen angeschlichen und erst mal als tropisches Tiefdruckgebiet verkleidet. Also eigentlich nur ein etwas stärkerer Ausläufer der normalen Regenzeit in Nicaragua, die im Oktober ihr Hoch haben. Dann haben alle mal kurz nicht aufgepasst und plötzlich war Nate ein ausgewachsener Tropensturm, der drei große Regionen in Nicaragua komplett lahm gelegt hat. Es ist wahnsinnig aufregend, wie nah man hier der Natur ist, im Guten wie im Schlechten. Das ist eine ganz neue, irgendwie fremde aber trotzdem sehr selbstverständliche Art zu leben. Und das geht so:

Nate schmeißt reihenweise Bäume auf die Straßen und flutet sie noch dazu – dann bleibt einem gar nichts anderes übrig als Zuhause zu bleiben. Nate wirft alle Strommasten um – dann bleibt einem gar nichts anderes übrig, als auf Kerzen und Taschenlampen umzusteigen. Wobei wir in La Mariposa noch wirklich Glück hatten, da wir aufgrund der Solarpanels zumindest mit Deckenlicht bis zum Schluss versorgt waren. Nate legt das Internet lahm – DAMN IT NATE! Nicht witzig.

 

Klingt alles verhältnismäßig okay, und das ist es auch wenn man im Urlaub ist und nicht seinen Alltag bestreiten muss. Oder alternativ sein Haus an einem Fluss steht. Dann hat man dank Nate nämlich kein Haus mehr, und das ist ganz furchtbar. Hier in San Juan und La Concha gibt es keine Flüsse, da war das Unangenehmste dass es keinen Strom gab und deshalb ab einem gewissen Punkt auch kein Wasser mehr. Andere Teile von Nicaragua hatten leider weniger Glück, Menschen sind heimatlos geblieben und Menschen sind gestorben. Und dann realisiert man plötzlich das Mutter Natur doch nicht alles mit sich machen lässt, sondern uns irgendwann vor Augen führt wie klein und hilflos wir eigentlich sind.

Zu dem Thema hatte ich ein kurzes Gespräch mit Tracy aus Austin, Texas, die genau wie der Rest der sich auf Fakten stützenden Welt völlig entsetzt darüber ist, dass ein Großteil ihrer Landsmänner schlichtweg verneint dass es so etwas wie den Klimawandel überhaupt gibt. Unvorstellbar, wenn man in Nicaragua unter einem Dach aus getrockneten Pflanzen und ein bisschen Plastik sitzt, der Sturm so laut ist dass man sich nicht mal unterhalten kann & man hört wie zweihundert Meter weiter ein Baum auf ein Dach fällt. Dann ist der Klimawandel plötzlich ganz schön nahe und man überlegt sich in Zukunft vielleicht doch öfter mit dem Fahrrad zu fahren.

Die Einheimischen hier in La Mariposa waren wesentlich entspannter als wir. Tropenstürme sind nicht völlig ungewöhnlich und nur dem Klimawandel zuzuschreiben, aber mittlerweile sind sie doch stärker und vor allem auch häufiger anzutreffen. Es gibt hier laut Leyda den Aberglauben vom heiligen Franziskus, der Regen super findet und am 4. Oktober immer dafür sorgt dass es unglaublich viel regnet in Nicaragua. In unserem Fall war das nicht der 4. Sondern der 5. Oktober – etwas spät dran unser Franzl.

Wie haben wir also den 5. und 6. Oktober unter Nate verbracht? So weitestgehend ohne Strom und Internet? Zunächst mal hatte ja Tracy am 5.10. Geburtstag und es fing auch wettermäßig recht unspektakulär an – furchtbar viel Regen lässt sich ja einigermaßen aushalten. Tatsächlich fand ich Nate zu dem Zeitpunkt noch ziemlich sympathisch. Es hat etwas beruhigendes an sich, umgeben von so viel grün, Pflanzen und Tieren das Prasseln von Regen zu hören und dabei Pfützen zu beobachten. Zur Feier des Tages haben sich Georgia und Richard aus Neuseeland auf den Weg nach La Concha gemacht – im wahrsten Sinne über Stock und Stein…und den ein oder anderen Erdrutsch, Nate war schon etwas aktiver – um zwei Flaschen Wein und Zutaten für einen Geburtstags-Banenenkuchen zu besorgen. Außerdem hat Georgia Richard, Tracy und mir eine Geburtstags-Yogastunde verpasst, in der wir daran gearbeitet haben unser Herz zu öffnen. Was ja nie schaden kann! Abends haben wir dann gemeinsam den Geburtstagskuchen gegessen, ein bisschen Wein getrunken und unter dem mittlerweile zum Tropensturm ausgewachsenen Nate über Gott und die Welt gesprochen. Also zumindest dann, wenn Nate ruhig genug war, dass man einander verstehen konnte. Ihr müsst euch das so vorstellen, als würden wir bei uns in Kleingladbach unter dem Terrassendach sitzen, während eines Sturms der so schlimm ist, dass er Äste durch die Gegend wirft. Nur dass das Dach eben nicht aus Ziegeln sondern aus Plastik besteht. So nahe.

Am nächsten Tag, also heute, sind wir aufgewacht und das Internet war gänzlich verschwunden. Da Nate am Morgen immer noch ziemlich gewütet hat war lange unklar, ob wir überhaupt Spanischunterricht haben würden. Aber alle Lehrer haben es sicher zu La Mariposa geschafft, sodass wir einen einigermaßen normalen Tag hier verlebt haben. Gelernt habe ich heute, dass die traditionellen Spiele der Kinder in Nicaragua exakt die gleichen sind wie bei uns: Verstecken spielen, Fangen spielen und Himmel & Hölle. Das finde ich irgendwie bemerkenswert. Ob die Spiele mit der katholischen Kirche durch die Welt gereist sind, oder ob alle Kinder intuitiv auf die Idee kommen so etwas zu spielen?

Außerdem hat Leyda ein Buch mit Kindergeschichten mitgebracht, aus dem wir gelesen haben. Insgesamt waren es vier Geschichten, besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Geschichte der Frauen von Little Corn Island. Little Corn Island ist eine Insel direkt neben Big Corn Island an der Karibikküste von Nicaragua. Tatsächlich habe ich vorher im Reiseführer schon ein bisschen was über die Insel gelesen, nämlich dass sie ziemlich paradiesisch sein soll. Die Geschichte liest sich ähnlich wie unsere Geschichten über die Amazonen: Eine Insel voller Frauen die wunderschön, stark und unabhängig waren, großartige Kämpferinnen, Bäuerinnen und Jägerinnen. Männer durften einmal im Monat für eine Stunde von Big Corn Island auf Little Corn Island kommen. Für gepflegte Konversation, versteht sich. Der Unterschied zu unseren Amazonen-Geschichten ist, dass irgendwann eine der Seherinnen auf Little Corn Island vorausgesagt hat, dass furchtbare Barbaren kommen würden, die sich trotz bester Kampfkunst nicht besiegen lassen. Barbaren auf Schiffen mit heller Haut (Anm. der Redaktion: Jap, Spanier!). Über die Prophezeiung haben die Frauen ein wenig nachgedacht und dann entschieden dass sie geschlossen ins Meer gehen um zum Schaum der Wellen zu werden, statt den Barbaren in die Hände zu fallen. Eine nette Art, in einer Kindergeschichte den Tod zu beschreiben. Nicht wie bei Struwwelpeter, wo immer direkt irgendwelche Gliedmaßen abgeschnitten werden oder Kinder verbrennen.

Richtung Abend sind dann aufgrund fehlender Elektrizität die Wasserpumpen ausgefallen, dafür wurden die Straßen schon ein wenig freigeräumt und einige Strommasten wieder aufgebaut. Wir haben zwar immer noch keinen richtigen Strom, aber die Einheimischen waren zuversichtlich, dass im Laufe des Abends wieder alles funktionieren wird.

Ich hoffe mal, dass die Straßen morgen wieder frei genug sind, sodass mein Pick-Up von Diriamba bis nach San Juan durchkommt! Und natürlich, dass in Diriamba auch wieder Strom ist, das wäre schön.

Zusammenfassend lässt sich eigentlich nur sagen: Nature humbles. Die Natur lässt einen sehr Bescheiden und ziemlich klein mit Hut werden, wenn sie es drauf anlegt. Also überlegt doch alle mal, was ihr im Alltag so anders machen könnt, damit die tollen Menschen hier in Zukunft nicht noch mehr Nates zu spüren bekommen.

Peace Out!

Lia

P.S.: Morgen früh (bzw. wenn ihr das lest, ist das schon passiert) geht’s nach Diriamba zu meiner Gastfamilie. Da ich dort vermutlich kein Internet haben werde, werde ich zwar fleißig schreiben, aber weiß nicht wann ich die Einträge online stellen kann. Bleibt geduldig!

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