Masaya – que tuani!!!!

Masaya – que tuani!!!!

Hallo zusammen,

Es ist kurios wie sehr ich mich am Anfang gefragt habe was ich den ganzen Tag in Diriamba machen soll, wenn ich nicht gerade unterrichte. Hier gibt es nicht wirklich viel zu tun außer kalorienreiche Milchshakes in sich reinzuschütten… und am Anfang hatte ich Angst vor möglicher Langeweile. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet und ich muss mir schon Listen machen, mit den Dingen die ich noch machen und vorbereiten möchte bevor ich aus Diriamba verschwinde. Darunter leidet in der Konsequenz auch der Blog ein bisschen, wie ihr vielleicht schon gemerkt habt. Aber da ich mir während meiner Reisen immer fleißig Notizen mache, kann ich euch auch etwas verzögert noch von den ganzen spannenden Dingen berichten, die ich in Nicaragua so erlebe. Deshalb fliegen wir jetzt kurz zwei Wochenenden in der Zeit zurück ins Handwerker-Mekka Masaya.

Auf meinem Plan standen die Laguna de Apoyo (ein inaktiver Vulkankrater voller Wasser, der einer der schönsten Orte in Nicaragua sein soll) und der noch aktive Vulkan von Masaya. Die Kirsche auf der Sahnetorte sollte dann der Markt von Masaya werden, berühmt für seine hübschen Dinge – von Taschen über Hängematten bis hin zu Schmuck, Döschen und sonstigen Dingen die man eigentlich nicht braucht, aber gerne anschaut und im Zweifel auch kauft.

Problem: Außer mir waren schon alle Voluntarios in Masaya, und so Städtereisen finde ich irgendwie schöner in Gesellschaft. Deshalb musste ich etwas improvisieren: Vor ein paar Wochen war ich mit den anderen Volontären und einer Gruppe Nicas auf einem Konzert in Managua, mit dabei auch eine Freundin von Ari (andere Volontärin), die gerade erst in Nicaragua angekommen ist. Deshalb dachte ich dass sie vielleicht noch nicht in Masaya war und mitkommen möchte, und habe sie kurzerhand angeschrieben.

Mara ist Mitte zwanzig und kommt ursprünglich aus Sardinien. Sie hat im Sommer ihr Philosophie und Anthropologiestudium abgeschlossen und hat danach von der Uni einen Job angeboten bekommen, für den sie nach Nicaragua gereist ist und jetzt hier mit Straßenkindern arbeitet. Das macht sie bei der Organisation Los Quinchos, über die ich euch später noch ein bisschen was erzählen werde. Außerdem ist Mara sehr reiselustig und hat sich mit Freuden meinem Masaya-Trip angeschlossen.

Nachdem wir mit etwas hin- und her die Buskoordination hinter uns gebracht hatten (es war das erste Mal dass ich einen kurzen Teil alleine in einem Microbus gefahren bin, denn Mara wohnt in San Marcos, das auf dem Weg nach Masaya liegt), haben wir es ohne weitere Zwischenfälle bis nach Masaya geschafft. Man sollte dazu sagen, dass die Busse in Nicaragua immer an den lokalen Märkten der diversen Städte ihren finalen Halt haben, die in der Regel etwas außerhalb des eigentlichen Stadtzentrums gelegen sind. Das ist meistens ein großer Platz vollgestellt mit Transportern und Bussen und ganz, ganz furchtbar vielen in der Regel eher heruntergekommenen Marktständen. Ich hatte in meinem Reiseführer gelesen, dass es in Masaya zwei verschiedene Märkte gibt auf denen man allerlei kaufen kann: Den berühmten Mercado de Artesanias (hübsch, aufgeräumt und sauber für Touristen) und den Mercado Municipal (dreckig und sehr labyrinth-artig für Einheimische).

 

Angekommen in dem staubigen Tohuwabohu des Busbahnhofes, wollten wir es uns natürlich nicht entgehen lassen mal eine Runde auf dem lokalen Markt zu drehen und zu schauen ob wir nicht hier schon hübsche Dinge finden würden. Die Ernüchterung kam recht schnell – während wir durch süßlich-verdorben riechende Fruchtmatsche (vielleicht Ananas? Vielleicht Limone? Man weiß es nicht) und an undefinierbaren Müllhaufen und zahnlosen, faltigen Frauen mit Obstständen vorbei flaniert sind, war uns recht schnell klar dass man außer ner Runde Darmparasiten in diesem Teil des Marktes wohl nichts Spannendes erwerben konnte. Also zurück zum Ausgangspunkt und mal sehen, wie wir ins Stadtinnere kommen. Das war wesentlich einfacher gesagt als getan, denn wer sich einmal in dieses wirre Labyrinth von Marktständen gewagt hat, findet schwer ohne Hilfe wieder heraus.

Da wir keine Eile hatten sind wir ein wenig rumgewandert und haben uns treiben lassen –schön mit der Hand auf der Handtasche und dem Todesblick aus dem Yps-Heft für immer mal wieder auftauchende nicaraguanische Sprücheklopfer. Das dichte Gewusel von Menschen die in diesem Durcheinander zielgerichtet ihren Einkäufen nachgehen war spannend zu beobachten, auch wenn das permanente Ausweichen irgendwann etwas lästig wurde – die Wege zwischen den Ständen sind nämlich nur so ungefähr einen halben Meter breit. Und der durchschnittliche Nicaraguaner ungefähr 1,5x so breit wie wir.

Nach einer Weile standen wir dann plötzlich irgendwo auf der Straße und haben, wer hätte das gedacht, zwei Ecken weiter tatsächlich einen Stand gesehen, der Tasche, Hängematten und Co verkauft. Beim Näherkommen haben wir dann sogar bemerkt, das sich hinter dem Stand ein etwas anderer Teil des Marktes befindet – etwas aufgeräumter, keine Lebensmittel mehr, dafür ein Sammelsurium hübscher Dinge. Sollte das etwa der sagenumwobene Teil des lokalen Marktes sein, in dem man hübsche Dinge kaufen kann? Exakt! Stolz auf unsere Entdeckung haben wir uns sofort ins Getümmel gestürzt, das überraschenderweise keines war. Im Gegensatz zum Lebensmittel-Teil des Marktes waren hier nur wenige Menschen unterwegs, was uns später bei den knochenharten Verhandlungen um den Preis von diversen Taschen und Hängematten zu Gute kommen sollte. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich habe eine Hängematte gekauft. Ja, ich weiß dass das kein Sinn macht und ja, ich weiß auch dass ich dafür keinen Platz in meinem Rucksack habe. ABER diese Hängematte ist wunderschön, wundergemütlich und hat umgerechnet nur 6 Euro gekostet. Es war mir physisch nicht möglich an der Hängematte vorbeizulaufen, ich schwöre. Also muss ich leider alle meine Klamotten an nicaraguanische Straßenkinder verschenken, damit die Hängematte in Zukunft in Deutschland wohnen darf.

Nachdem wir verschiedene schlechte Wegbeschreibungen diverser Marktstandinhaber kombiniert haben, haben wir es dann irgendwann auch aus dem Markt heraus geschafft. Vermutlich beschreiben die Leute den Weg mit Absicht schlecht, damit man sich möglichst lange im Markt aufhält und möglichst viele Dinge kauft. Ganz schön raffiniert.

Da wir das noch nie gemacht haben, sind wir danach mit einer Art Pferdetaxi – wie ein Mototaxi nur mit Pferd – bis ins Stadtzentrum gefahren. Das war zwar spannend, wir haben dann allerdings schnell bemerkt, dass es für das Pferd weniger schön war. Alle Pferdetaxi-Pferde die wir hier so gesehen haben sahen nämlich sehr unterernährt und oft auch krank aus. Und wieder einmal muss ich feststellen dass Nicaragua, so wunderschön die Landschaft und so freundlich und hilfsbereit die Menschen auch sind, kein Land für Tierliebhaber ist. Die Leute haben hier ein völlig anderes Verhältnis zu Tieren, etwas befremdlich und oft schockierend für den Durchschnittseuropäer. Während wir die meisten Tiere praktisch als Familienmitglieder betrachten, egal ob Hund, Katze oder Pferd, sind die Tiere hier ausschließlich Nutztiere oder lästig. Und bei den Nutztieren muss man dafür sorgen dass sie am Leben bleiben, mehr aber auch nicht. Ganz schön hart.

Etwas ernüchtert sind wir dann zum lokalen Markt zurück, um einen Bus zur Laguna de Apoyo und zu unserem Hostel zu nehmen.

Die Reise dahin war relativ ereignislos, bis auf die Tatsache dass wir den Geldeintreiber im Bus verdächtigt haben uns zu bescheißen und deshalb früher ausgestiegen sind. Das Problem ist, dass die Nicaraguaner wirklich schlecht in Wegbeschreibungen sind. Das fällt mir nicht nur an den Wochenenden bei Reisen auf, sondern auch in Diriamba. Zum einen sind sie nicht in der Lage Meter oder Landmarken anzugeben, was es wirklich schwierig macht zu Wissen WANN man denn jetzt in eine bestimmte Richtung gehen soll…man weiß nur dass man irgendwann nach schräg links gehen soll (wenn man das Handwedeln richtig interpretiert hat). Ob das jetzt die erste oder fünfte Straße ist muss man dann selbst herausfinden. Oft nutzen die Nicas auch die Himmelsrichtungen, um Wege zu beschreiben. Das ist nicht so ganz einfach wenn man nicht gerade Pfadfinder ist oder sich in der Stadt sehr gut auskennt, aber mit ein bisschen Knobelei und Sonne-anstarren irgendwie machbar. Was allerdings gar nicht mehr geht, ist wenn sie anfangen von „oben“ und „unten“ zu sprechen. „Ihr geht einfach die Straße weiter und dann irgendwann nach oben“ – ernsthaft? Ich habe weder Flügel noch Schaufelhände und bin deshalb mit dieser Art der Wegbeschreibung etwas überfordert. Meine aktuelle These ist, dass es sich darauf bezieht dass eine Straße in bestimmten Richtungen tatsächlich an Höhenmetern gewinnt oder verliert, allerdings ist das oft so minimal, dass es für den Nicht-Einheimischen nicht bemerkbar ist. Was ist denn so verkehrt am altmodischen rechts/links?

Naja, zurück nach Masaya. Besagter Geldeintreiber hat uns mitgeteilt dass die Fahrt 15 Cordobas kosten würde. Nachdem alle anderen nicaraguanischen Mitreisenden allerdings nur 10 Cordobas bezahlt haben, sind wir etwas misstrauisch geworden. Auf unser Nachfragen hin war dann die entnervte Antwort, dass wir ja erst UNTEN aussteigen würden, das sei teurer als OBEN. Da wir dem Guten unser Hostel vorab nicht genannt hatten, und er somit nicht wissen konnte wo wir hinwollen, fühlten wir uns etwas über den Tisch gezogen. Hand aufs Herz, 5 Cordobas Unterschied sind ungefähr 0,15 EURO – aber irgendwie geht’s hier auch ums Prinzip. Also sind wir kurzerhand OBEN ausgestiegen, da Maras Google Maps gesagt hat dass wir sowieso nur noch 130 Meter vom Hostel entfernt waren. Nicht. Nachdem wir ausgestiegen waren haben wir schnell gemerkt dass es noch knapp 2,5km waren und Google Maps nur die Strecke bis zur nächsten Abbiegung angezeigt hatte. Dömdöm. Aber wenigstens hat der doofe Geldeintreiber nicht gewonnen. Da wir keine Lust hatten den letzten Rest des Weges bei gefühlten 35 Grad im Schatten zu laufen, haben wir ein Auto angehalten dass einen Sticker mit dem Namen unseres Hostels auf der Rückscheibe hatte. Und tatsächlich – dabei handelte sich um das hosteleigene Taxi, das eigentlich Geld kostete, aber schon einen Passagier hatte und uns deshalb auf den letzten Meter umsonst mitgenommen hat. Whoop Whoop.

Angekommen in El Paradiso, unserem Hostel, haben wir uns erst Mal unseres Gepäcks entledigt, unseren Begrüßungs-Drink eingenommen und auf die Strand-Terrasse gesetzt. Den schönen Ausblick, der uns am nächsten Morgen erwarten sollte, konnte man am Abend vorher nur erahnen – hier in Nicaragua ist es im Moment so um halb sechs schon dunkel. Frisch gestärkt dank Flor de Caña haben wir uns dann zu unserem neuen Freund ins Taxi gesetzt und zum Vulkan von Masaya fahren lassen. Anders als bei den meisten Vulkanen in Nicaragua gibt es hier keinen schönen Wanderweg zu erklimmen, stattdessen fährt man unspektakulär hin bis zum Krater. Schon beim Aussteigen kann man sehen wie die sonst stockschwarze Nacht über dem Krater nicht nur rötlich schimmert, sondern wie blutrot eingefärbt wirkt.

Ohne auch nur in der Nähe des riesigen Loches zu sein war ich hier schon schwer beeindruckt. Am Kraterrand stehend kann man dann ca. 200 Meter runter in den Vulkan hineinschauen und sieht ein orange/rotes Farbenspiel umgeben von Dämpfen, die sich ganz gemütlich ihren Weg nach oben bahnen. Direkte Lava sieht man zwar nicht, trotzdem ist es unglaublich spannend dieses Leuchten und das Innere des Vulkans anzuschauen. Kaum vorstellbar war für eine zerstörerische Macht in so einem Berg steckt. Fünf Minuten und etwa 300 gleich aussehende Fotos mit rotem Leuchten auf schwarzem Grund später hatten wir uns an dem Schauspiel satt gesehen und haben uns mit Mr.Taxi zurück auf den Weg ins Hostel gemacht.

Zurück auf der Hostelterrasse haben wir uns dann noch 3-5 weitere Nica Libre (bloß nicht Cuba Libre sagen!) gegönnt und dabei gemütlich den Bierpong-Spielern des Hostels zugesehen. Eine kurze aktive Phase gab es dann noch während des Angriffs eines mittelgroßen Käfers, der aus irgendeinem Grund immer wieder über den Tisch zu uns gekrabbelt kam. Wir haben alles versucht: Wegpusten, Glas in den Weg stellen und mit dem Strohhalm wegschubsen, bis Mara mich dann bat zum Äußersten greifen: Sag ihm dass er gehen soll und sag es auf Deutsch, damit er Angst hat!! Ehm. Ja. Okay. Alles klar… böser Käfer!

Danach haben wir noch ein paar Worte mit einem Franzosen gewechselt, der ein Freund des Hotelbesitzers war und ein paar Nica Libres über den Durst getrunken hatte. Das war am Anfang recht lustig, vor allem weil er Mara für eine Spanierin und mich für eine Französin gehalten hat. Er hätte darauf schwören können dass mein Gesichts französisch ist…nehm ich. Auf jeden Fall netter als die Nicas, die mich oft genug „chaballa que parece chico“ nennen – also das Mädchen das aussieht wie ein Junge. Wie in einem vorigen Blogeintrag schon erwähnt sind kurze Haare hier bei Frauen unter 50 nicht existent und dazu bin ich noch drei Köpfe größer als die meisten Männer hier, die eher so Elijah Wood Maße (+50kg) haben. Nach ein paar von Mara erfolgreich geführten und von mir mit mäßig-enthusiastischem Kopfnicken begleiteten Smalltalk-Episoden haben wir uns dann auf in Richtung Dorm gemacht – wir hatten schließlich einen anstrengenden Tag hinter uns.

Der Sonntag war vieeeeel entspannter. Morgens sind wir eine Runde in der Lagune geschwommen und haben uns von der Sonne trocknen lassen, während wir den wirklich wunderschönen Ausblick genossen haben. Die ganze Lagune ist umwachsen von Wäldern und wir hatten einen so schönen Tag mit strahlend-blauem Himmel erwischt, dass es mich ein bisschen an schlechte Special-Effects vor einem Blue-Screen erinnert hat. Und ich weiß genau wovon ich rede, schließlich gucke ich im Moment zum Einschlafen Star Trek New Generation von Anfang an – und da gibt’s eine Menge schlechter Animationen vor Blue Screen. Leider kommt das auf den Fotos nicht so rüber, aber um für die Nerds unter uns eine Referenz zu schaffen: Der Ausblick bei der Laguna de Apoyo sah ungefähr so aus wie der Himmel bei der Beerdigung von Lieutenant Yar in Staffel 1, Episode 22. Watch it!

Nach einem weiteren kurzen Abstecher ins Stadtinnere von Masaya, vor allem um zu bestätigen dass die Preise auf dem Turi-Markt 3x so hoch sind wie auf dem lokalen Markt, haben wir uns auch schon wieder auf den Weg in die Heimat gemacht.

  

Alles in allem ein erfolgreiches Wochenende mit einer coolen Reisebegleitung. Mara hat mich sehr an meine Zeit in Spanien erinnert, weil sie – wie meine Mitbewohnerin damals – zwischendurch immer einfach mal vor sich her singt. Und ich lerne Gangster-Phrasen und Straßenwörter von ihr, die sie selbst auf der Arbeit lernt. In Nicaragua sagt man nicht wie in Spanien „guay“ für „cool“, man sagt „tuani“! Super Wort. Und wenn man zum Strand geht sagt man nicht einfach „ich gehe zum Strand“, sondern „Wer geht zum Strand? Meine Knocheeeen!“….quien va a la playa? Mis hueeesoooos. Wer kann, der kann.

Um euch einen kleinen Ausblick zu geben: Ich schulde euch noch einen Blogeintrag zu einem Konzert und/oder zu meinem Alltag in Diriamba. Eventuell pack ich das in einen Eintrag. Außerdem habe ich letztes Wochenende bei den Quinchos und in Leon verbracht, wovon es auch sehr viel zu erzählen gibt. Also – genug Gründe wiederzukommen, ich freu mich auf euch!

Lisbeth.

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